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11. Mai 2007 an der Escuela de Idiomas Modernos – Universidad Central de Venezuela
Referentin: Hanna Grzimek
Literaturübersetzerin

 

Von Teresita Mazzei

Beim Übersetzen geht es nicht nur um Übertragung von Texten, sondern um viele andere Dinge mehr. Der Übersetzer muss die Mentalität und die kulturellen Hintergründe beider Länder gut kennen. Hierfür muss er recherchieren. Er muss sich in die Einzelheiten des jeweiligen Landes, aus dem das zu übersetzende Werk stammt, einarbeiten. Er muss sowohl Bedeutungen der Wörter beider Sprachen als auch deren Schattierungen gut erfassen. Darüber hinaus muss er über schriftstellerische Fertigkeiten verfügen. Wie dies alles in der alltäglichen Praxis einer Literaturübersetzerin für Spanisch-Deutsch aussieht, hat uns Hanna Gzimek in ihrem Vortrag „Der Übersetzer als Kulturmittler“ erzählt, den sie am 11. Mai in der Bibliothek „Jean Cartysse“ des Instituts für Moderne Fremdsprachen der Universidad Central de Venezuela (UCV) gehalten hat.

Unter den 14 Teilnehmern des Seminars waren Studenten, Lehrer der Deutschen Schule von Caracas, des Colegio Humboldt, Dozenten und ehemalige Dozenten für Deutsch als Fremdsprache der UCV.

Zuerst hat Hanna Grzimek erzählt, wie sie dazu kam, Übersetzerin für spanische Literatur zu werden. Danach hat sie über Übersetzungsseminare im Allgemeinen gesprochen. Im Hauptteil des Seminars ging es speziell um das Übersetzen spanischer Unterhaltungsliteratur ins Deutsche. Zwischendurch haben sich auch die Teilnehmer zum Thema geäußert. Ein konkretes Beispiel sollte den Teilnehmern abschließend vor Augen führen, wie unterschiedlich Übersetzungen sein können, die zu verschiedenen Zeiten von demselben Werk gemacht wurden.

Die Referentin ging zunächst ausführlich darauf ein, dass es wichtig ist, die kulturellen Hintergründe innerhalb von Lateinamerika zu kennen. Diese nämlich bedingen nach ihrer Aussage die Tatsache, dass nicht in allen lateinamerikanischen Ländern dasselbe Spanisch gesprochen wird. Die Umgangsprachen der jeweiligen Länder besitzen unterschiedliche Färbungen. Das heißt: Wenn man ein Werk über Patagonien aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt hat, heißt das noch lange nicht, dass man es dann leichter haben wird, ein Werk über die venezolanischen llanos zu übersetzen. Dies trägt dazu bei, dass jedes Werk - wie Hanna Gzimek sagt - eine neue Herausforderung ist.

Gemeinsam haben alle Lateinamerikaner die Lust am Leben, das Blumige, die Gefühlswelt, die Zeit, um das Schöne zu bewundern. Dies schlägt sich in der Literatur nieder. Der lateinamerikanische Schriftsteller verweilt in Beschreibungen, die durch eine Aneinanderreihung von Adjektiven charakterisiert sind. Dazu kommt, dass bei diesen Adjektiven viele gleichbedeutend sind. Der Alltag der Deutschen ist anders als der Alltag der Lateinamerikaner. Für den Deutschen sind Präzision, Kürze, Prägnanz von Bedeutung; Gefühle sind nicht so wichtig. Beschreibungen im lateinamerikanischen Stil wirken deswegen auf Deutsche oft langweilig, manchmal sogar kitschig. Außerdem möchte der Deutsche etwas lesen, was flüssig und spannend ist und Spaß macht. Aus diesen Gründen muss der Übersetzer Kürzungen vornehmen, und zwar bei Adjektiven, Wiederholungen und „überflüssigen“ Erklärungen. Vage Beschreibungen muss er präzisieren, damit das Werk beim deutschen Publikum ankommt, und zwar über den Kopf des Autors hinweg.
Humor kann in Deutschland ganz anders verstanden werden als in Lateinamerika. An manchen Stellen werden deshalb Witze nicht übersetzt, weil sie für den Deutschen nicht lustig sind. Dafür werden aber an anderen Stellen Witze eingefügt – natürlich immer im Stil des Autors.

An den Übersetzer werden auch hohe rhetorische Ansprüche gestellt. Der deutsche Übersetzer stellt sich zum Beispiel die Aufgabe, den Klang des Satzes zu „übersetzen“, egal, ob dieser Klang vom Autor beabsichtigt war oder nicht. Ein Satz kann, z. B., viele dunkle Vokale und „r“ beinhalten. Der deutsche Übersetzer wird dann versuchen, den Sinn des Satzes in einen deutschen Satz zu übertragen, der auch viele dunkle Vokale und viele „r“ enthält. Weiterhin stellt sich der Übersetzer die Frage, worauf die Betonung im Satz fällt: Fällt sie auf die Zeit, auf eine Person, auf welche Person oder auf das „wie“? Auch: Woran erkennt man die Betonung? Der Übersetzer muss dann den Satz so übersetzen, dass die zutreffende Betonung in der Zielsprache zum Ausdruck kommt. Deshalb muss man sehr frei übersetzen, denn „wenn man Wort für Wort übersetzt“, sagt Grzimek, „kann es sein, dass es im Deutschen gar nichts bedeutet.“ Es gibt im Spanischen bestimmte Verbtempi, die im Deutschen nicht existieren. Der Übersetzer muss sich dann Adverbien bedienen, um den treffenden Sinn ins Deutsche zu übertragen.. Bei „... se había ido acumulando“ kann man sich, zum Beispiel, mit dem Ausdruck „mit der Zeit“ helfen. Aufgrund all dieser Schwierigkeiten gibt es im Endeffekt keine perfekte Übersetzung.

Zurzeit übersetzt Hanna Grzimek „Doña Bárbara“ von Rómulo Gallegos ins Deutsche. Sie hat uns anhand von zwei früheren Übersetzungen dieses Werkes ins Deutsche (1941 und 1952) vor Augen geführt, wie schwierig es ist, die Übersetzung eines lateinamerikanischen Unterhaltungsromans zu bewerkstelligen. Im Kapitel „La Bella Durmiente“ hat sie z. B. den Satz „Ella se hizo repetir la pregunta y luego respondió, con la rudeza de su condición silvestre reforzada por el azoramiento:“ gewählt. Werner Paiser (Übersetzung von 1952, Manesse Verlag Zürich) hat „azoramiento“ mit „Befangenheit“ übersetzt, während G.H. Neuendorf (Übersetzung von 1941, A-H. Payne Verlag, Leipzig) dieses Wort mit „Erschrecken“ ins Deutsche übertragen hat. In Langescheidts-Wörterbuch erscheinen tatsächlich solche Wörter wie „Schrecken“, „Verdutztheit“, „Benommenheit“, „Lampenfieber“ als Übersetzungen von „azoramiento.“ Für Venezolaner heißt aber dieses Wort „in Eile“ und diese Bedeutung erscheint im genannten Wörterbuch nicht. An diesem Beispiel hat die Referentin deutlich gemacht, wie wichtig es ist, das Vokabular des Landes zu kennen, aus dem das Werk stammt. Im selben Beispielssatz hat G. H. Neuendorf „con la rudeza de su condición silvestre“ mit „mit ländlicher Derbheit“ übersetzt, was für Hanna Grzimek jedoch nach Bayern klingt. Trotz all den Unstimmigkeiten, die Neuendorfs deutsche Version von „Doña Bárbara“ haben mag, ist sie für Grzimek ein hoher Verdienst für die damalige Zeit.

Generell kann man sagen, dass jemand, der sich die Übersetzung eines lateinamerikanischen Werkes ins Deutsche vornimmt, bereit sein muss, viel Zeit in die Recherche über das jeweilige Land zu investieren, sowie Kürzungen und Hinzufügungen am Werk durchzuführen, die durch Mentalitätsunterschiede bedingt sind. Er muss auch sehr belesen sein, um all die kunstvollen Umwandlungen hervorzubringen, die einen hohen Grad an rhetorischen Fähigkeiten erfordern. Er muss auch sehr frei übersetzen können. In Grzimeks Worten: „Er ist ein Schriftsteller, der einen neuen Text schreibt, der nicht dem Original im Spanischen entspricht.“ Das Übersetzen von lateinamerikanischen Unterhaltungsromanen ins Deutsche ist also ein hochgradig anspruchsvolles Unterfangen, das für diese Kulturmittler - die Übersetzer – vielleicht sogar undankbar ist, da sie trotz ausgezeichneter Leistungen auf dem Gebiet, immer im Hintergrund bleiben.

Es hat sich gelohnt, Frau Grzimek um diesen Vortrag zu bitten, denn es ging hier keineswegs um Gemeinplätze des Übersetzens, sondern um einen kleinen Einblick in die Erfahrung einer Literaturübersetzerin. Uns, den Teilnehmern, hat Frau Grzimek viel Interessantes zum Thema freies Übersetzen gesagt. Mit der Frage „Wie frei darf eine Übersetzung sein?“ kann manch unerfahrener Übersetzer durchaus seine Mühe haben, für literarische Übersetzungen hat Hanna Grzimek darauf eine Antwort gegeben. Aber für jeden Übersetzer ist wichtig zu wissen, dass er

  • sich nicht immer nur auf das Wörterbuch verlassen darf,
  • viel Zeit in Recherchen investieren muss,

wenn er ein guter Übersetzer werden will.


Wir möchten Frau Grzimek viel Erfolg bei ihrer Übersetzung von „Doña Bárbara“ wünschen.

Caracas, 15. Mai 2007

Der Aufbaustudiengang Deutsch als Fremdsprache.

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Die Fachzeitschrift der lateinamerikanischen Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen finden Sie unter http://www.abrapa.org.br/publikationen